Psychologiegeschichte

Galliker, M. & Rykart, S. (2006). Psychologiegeschichte. Wissenschaftler-Werke-Wirkungen. Unveröffentlichtes Manuskript des Institutes für Psychologie der Universität Bern. 232 Seiten. Zu Bestellen für Fr. 20.00 im Menüpunkt "Kontakt & Bestellungen"

Inhalt

Vorwort
Griechische Philosophie Sokrates Platon Aristoteles
Christliche Kirchenlehre Aurelius Augustinus Thomas von Aquin
Renaissance – Humanismus Niccolò Machiavelli Desiderius Erasmus von Rotterdam Giordano Bruno Michel de Montaigne
Französischer Rationalismus René Descartes Julien Offray de la Mettrie
Britischer Empirismus Thomas Hobbes John Locke David Hume
Deutsche Aufklärung Immanuel Kant Christoph Martin Wieland Karl Philipp Moritz Adolph Freyherr von Knigge
Humanitäre Wissenschaftslehre Johann Gottfried Herder Johann Wolfgang Goethe Johann Caspar Lavater Georg Christoph Lichtenberg
Geisteswissenschaftliche Psychologie Johann Friedrich Herbart Moritz Lazarus Hajim (Heymann) Steinthal Wilhelm Dilthey
Naturwissenschaftliche Entwicklungstheorie Alfred Russel Wallace Charles Darwin Francis Galton
Naturwissenschaftliche Psychologie Johannes Peter Müller Hermann von Helmholz Ernst Heinrich Weber Gustav Fechner Wilhelm Wundt Hermann Ebbinghaus
Russische Reflexologie Iwan Michailowitsch Sechenov Wladimir Michailowitsch Bechterew Iwan Petrowitsch Pawlow Amerikanischer Pragmatismus Charles Peirce William James John Dewey
Würzburger Schule Oswald Külpe Karl Marbe Narziss Kaspar Ach Otto Selz Karl Bühler
Grazer Schule Alexius Meinong Christian Ehrenfels
Berliner und Frankfurter Schule Max Wertheimer Wolfgang Köhler Kurt Koffka Wolfgang Metzger
Leipziger Schule Felix Krueger Friedrich Sander Albert Welleck
Psychoanalyse Sigmund Freud Anna Freud Melanie Klein John Bowlby
Behaviorismus Edward Lee Thorndike John Broadus Watson Clark Hull Donald Olding Hebb Burrhus Frederic Skinner Edward Tolman
Kulturhistorische Schule Lew Semjonowitsch Alexej Nikolajewitsch Leontjew Aleksandr Romanovic Lurija
Kognitive Psychologie Frederic Charles Bartlett Jean Piaget George Miller Ulric Neisser
Literatur
Personenverzeichnis

Vorwort

Schon Vorschulkinder stellen Fragen nach der Seele: Was ist das die Seele? Wo finde ich sie? Wie sieht sie aus? Viele Eltern haben Mühe, diese Fragen zu beantworten. Sie behelfen sich mit Bildern, beispielsweise mit religiösen Bildern, oder geben ausweichende Antworten. Seit Jahrhunderten stellen junge und ältere Menschen Fragen die Seele betreffend und suchen nach Antworten. Die Antworten sind mannigfaltig ausgefallen. Die Bemühungen führten aber bisher zu keiner endgültigen Defintion der Seele und zu keinen allgemein gültigen Erkenntnissen über die Seele.

Seit etwa zweieinhalb Jahrhunderten gibt es Forscher, die aus der ihrer Meinung nach vergeblichen „Seelensuche“ die Konsequenzen gezogen haben. Sie bezeichnen die Seele als Phantom oder blosse Metapher. Einige blieben dennoch ihrem Wissensgebiet treu, verlagerten aber dessen Forschungsgegenstand, die Seele oder die Psyche, wie sie auch genannt wird, auf unmittelbar zugängliche und sichtbare Sachverhalte. Dessillusionikerte Forscher und Kritiker sprechen von einer „Seelenkunde ohne Seele“ bzw. von einer „Psychologie ohne Psyche“.

Wo finden wir die Anfänge der Vorstellungen von der Seele? Zu welchen Vorstellungen gelangten die ersten Philosphen, die ersten Freunde der Weisheit, die nach der Erkenntnis der Ursprünge des Seins strebten und in diesem Zusammenhang besonders über die Seele nachdachten und sie zu erforschen suchten? Wann wurde die erste Seelenlehre formuliert? Seit wann verstehen sich die Weisheitslehrer als Wissenschaflter, die als solche über die Seele sachkundige Aussagen zu machen beanspruchen? Wann treten die Wissenschaftler als Psychologen auf, also als Personen, die ihre Aufmerksamkeit besonders dem Gegenstand der Psychologie, der Psyche, zuwenden? Seit wann verstehen sie sich als Fachpsychologen? Und was versteht man unter Wissenschaft – damals und heute?

Schon der griechische Philosoph Aristoteles hat eine Geschichte der Psychologie geschrieben. Von einigen Historikern wird er dennoch als erster Psychologe oder gar als erster an der Realität orientierte, mithin wissenschaftliche Psychologe betrachtet. Doch das realwissenschaftliche Denken von Aristototeles ist gleichwohl noch nicht mit dem Wissenschaftsverständnis der modernen Psychologie vergleichbar. Deshalb haben andere Historiker den Beginn der wissenschaftlichen Psychologie eher in Herbarts (1824/25) mathematisch-deduktiver Untersuchung Psychologie als Wissenschaft gesehen. Wieder andere Historiker haben den Beginn der wissenschaftlichen Psychologie in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts verlegt. Es ist die Zeit, in der naturwissenschaftlich orientierte Forscher wie Weber, Fechner und Wundt die ersten für die Psychologie relevanten Experimente durchführten. Im Gebiet der Naturphänomene (insbesondere in der Physik und in der Chemie) konnte der experimentelle Empiriebegriff sich durchsetzen. Er führte zu vielen praktisch relevanten Resultaten, die uns heute noch beständig gegenwärtig sind (u.a. in der Technik).

Viele praktisch tätige Psychologen können allerdings mit manchen Ergebnissen psychologischer Experimente wenig anfangen. Sie fordern einen breiteren Erfahrungsbegriff. Auch von einigen theoretisch orientierten Psychologen wird der naturwissenschaftliche Empiriebegriff als zu streng und zu eng für den Gegenstand der Psychologie eingeschätzt. In der Geschichte der Psychologie sind breitere Vorstellungen von Vorgehensweisen und Erkenntnismöglichkeiten an verschiedenen Stellen auffindbar. Schon vor Aristoteles sind sie zu finden (z.B. bei Sokrates). Diese Vorstellungen werden hier wenigstens punktuell berücksichtigt, um das Anliegen einer für Praktiker brauchbaren Pychologie nicht von vornherein aus den Augen zu verlieren.

Die gestellten Fragen sind somit nicht eindeutig zu beantworten. Trotzdem darf ihnen nicht gänzlich ausgewichen werden, wollen wir ein realistisches Bild der heutigen Psychologie gewinnen und mögliche Einseitigkeiten nicht verleugnen. Sie helfen uns, die gegenwärtige empirische Seelenlehre, die Psychologie, die auf Erfahrung beruht, so wie sie an den Universitäten gelehrt wird, zu verstehen und sie in das Wissenschaftsgefüge einzuordnen.

In der vorliegenden Arbeit vermitteln wir einen ersten Eindruck der Seelenlehre bzw. der Psychologie im europäischen Raum seit ihren schriftlich niederlegten Anfängen bis zur sog. kognitiven Wende. Das primäre Anliegen des Buches ist es, die wichtigsten Denkansätze und Paradigmen bekannter Psychologen sowie Philosophen, die sich mit der Psyche befasst haben, in möglichst verständlicher Form darzustellen. Dabei werden auch Vorstellungen von Erfahrung sowie theoretische Ansätze dargestellt, die heute verworfen oder ignoriert werden (z.B. die Farbenlehre Goethes) oder in der psychologischen Praxis zwar nach wie vor von (oft unausgesprochener) Bedeutung sind, aber von der psychologischen Forschung nicht oder nur formalistisch berücksichtigt werden. Ein Beispiel hierfür sind die Dominanzverhältnisse und ihre psychologische Bedeutung. Erste Ansätze zu ihrer Darstellung und zum Umgang mit ihnen finden sich schon bei Machiavelli, Wieland und den englischen Empiristen. Die Erkenntnisse dieser Vorfahren der Psychologie klingen allerdings für moderne Psychologen oft nicht sehr psychologisch. Sie sind „grosszügiger“, mehr auf die Stellung des Menschen im Universum und später in der Gesellschaft bezogen als die Erkenntnisse der modernen Psychologie. Die Verkleinerung des Anspruchs, die Verinnerung der Seele und ihrer Loslösung von der Gesellschaft und ihren Institutionen (u.a. der Kirche) ist ein Phänomen der neueren Psychologie.

Die vorliegende Einführung in die Geschichte der Psychologie konzentriert sich weitgehend auf einzelne Seelenforscher. Die Darstellungsweise ist personzentriert. Das heisst: Einzelne Personen und ihre Werke stehen im Zentrum der Darstellung. Die Personen werden nach Zeitalter, Strömungen oder Schulen gruppiert. Es wird auch auf Bezüge unter Personen und Gruppierungen hingewiesen. Die Aufgabe, ein einigermassen plastisches Bild einflussreicher Seelenforscher und ihrer in wissenschaftlicher Hinsicht wichtigen Bezugspersonen zu vermitteln, ist allerdings mit vielfältigen Problemen verbunden. Welche Forscher gehören in einer Einführung in die Geschichte der Psychologie? Gibt es hierfür Kriterien? Wir wählten Philosophen und Psychologen aus, die für das Verständnis der Psychologie auch heute noch von theoretischer und/oder praktischer Bedeutung sind. Der Begriff Psychologie wird in einem weiten Sinne verstanden. Es werden auch Vorstellungen und Erfahrungen mitberücksichtigt, die nicht in jeder Geschichte der Psychologie behandelt werden. Die meisten Darstellungen der Psychologiegeschichte konzentrieren sich auf die Vorgeschichte des heutigen Selbstverständnisses des Faches. Ein breiterer Rückbezug erleichtert die Auswahl nicht und erfordert viele Entscheidungen.

Einige für aktuelle Fragestellungen der Psychologie wichtige Strömungen des Denkens werden nicht oder höchstens am Rande berücksichtigt. Beispiele hierfür sind die Denkströmungen, die mit Fichte, Hegel und Feuerbach oder mit Schopenhauer und Nietzsche oder mit Husserl und Brentano beginnen. Philosophen werden in dieser Arbeit nur bis zum Auftreten der wissenschaftlichen Fachpsychologen berücksichtigt.

Bei der Auswahl einzelnder Werke wird auf ihre Bedeutung für heutige Fragestellungen geachtet. Vorgelegt werden Inhaltsangaben von Werken, die Einfluss auf andere Werke und auf die Entwicklung der Psychologie insgesamt ausgeübt haben. Bei der Darstellung eines Werkes kann jeweils nur ein erster Eindruck, kaum ein erster Einblick, vermittelt werden. Die Darstellung bleibt notgedrungen global und kann nur selten bei bestimmten Problemstellungen etwas näher ausgeführt werden. Zwar wird versucht, bei der Darstellung möglichst textnah zu verfahren und den Inhalt zu komprimieren, womöglich durch die Wiedergabe zusammenfassender Zitate, doch betrifft dies höchstens einzelne Inhalte (z.B. Denken oder Erinnern). Mit den Zusammenfassungen werden die Gedankenführungen nicht nur verkürzt, sondern auch vereinfacht, was nur korrigiert werden kann, wenn das Werk zur Hand genommen wird und der ersten Orientierung wenigstens stellenweise Lektüre des Originals folgt.

Meistens wird in der vorliegenden Übersichtsarbeit nur die männliche Form verwendet. Dies nicht nur der Kürze halber. Die meisten Autoren der klassischen Psychologie sind männlichen Geschlechts. Die geschlechtsspezifische Zentrierung reicht noch weiter. Viele Recherchen ergaben keine Informationen über die Mutter und nur spärliche über den Vater (v.a. über dessen gesellschaftliche Stellung und/oder dessen Beruf). Auf die Nennung weiterer Bezugspersonen wurde verzichtet, sofern sie nicht direkt von wissenschaftlichem Interesse waren.

Die editorischen Angaben werden auf das Nötigste beschränkt. Bei den Literaturangaben folgt nach dem Namen des Autors an erster Stelle das Jahr, in dem das Werk zum ersten Mal erschienen ist. Wenn nicht die Erstausgabe vorliegt, folgt an zweiter Stelle das Jahr, in dem die vorliegende Ausgabe veröffentlicht worden ist. Bei Übersetzungen wird in gleicher Weise vorgegangen: An erster Stelle erscheint das Jahr der Erstausgabe in der Originalsprache, an zweiter Stelle die vorliegende deutschsprachige Ausgabe.